Was der Brexit für eine kleine Familie in Witten bedeutet

WAZ. Großbritannien gehört seit dem 31. Januar offiziell nicht mehr zur Europäischen Union. Der Brexit wirkt sich auch auf Deutschland aus, zum Beispiel auf Wirtschaftsunternehmen, die auf die Insel exportieren.

Deutsch-englische Kleinfamilie: Margit Hirtenjohann mit ihrem Großneffen, für den sie die Vormundschaft übernommen hat. Foto: Privat

Doch was bedeutet der Austritt für den “kleinen Mann”? Margit Hirtenjohann betreut in Witten ein Kind mit englischer Staatsbürgerschaft. Sie ist Vormund für den Fünfjährigen und hat viel zu kämpfen – nicht nur mit einer Flut von Anträgen.

Ihre Schwester sei vor vielen Jahren nach England ausgewandert. Deren Tochter habe im Mai 2015 einen Sohn bekommen, erzählt die Wittenerin. “Es war ein Desaster in der Familie, denn die Mutter des Kindes ist psychisch krank.” Nach fünf Monaten habe sie den Kleinen bei einem “Social Center” in Kent abgegeben – aus Angst, sich nicht um ihn kümmern zu können, wenn es ihr schlecht gehe. Ihren getrennt lebenden Eltern habe sie den Enkel keinesfalls anvertrauen wollen.

Frau aus Witten: Entscheidung wurde zur Herzensangelegenheit

Am 26. November 2015 erreichte die Tante in Witten ein Anruf, der Hirtenjohanns Leben auf den Kopf stellen sollte: Ob sie bereit sei, das Kind aufzunehmen. Die 62-Jährige gelernte Bankkauffrau, die später auf Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin umsattelte, fackelte nicht lange.

Die “starke, alleinstehende” Frau, als die sie sich selbst sieht, war gerade in Rente gegangen und überlegte, was sie mit ihrer kostbaren Zeit Sinnvolles anfangen könne. “Golf oder Tennis – das ist nicht so mein Ding.” Sie entschied sich, das Kind ihrer Nichte großzuziehen. Es wurde ihre “Herzensangelegenheit”.

Der kleine Junge hatte inzwischen drei Monate in einer Kriseninterventionsfamilie verbracht. Sie wollte ihm endlich ein richtiges Zuhause geben, sagt Hirtenjohann. Schließlich gehöre er zur Familie. Doch vorher musste sie nach England reisen, musste sich dort von Kopf bis Fuß untersuchen lassen und sich eine Woche lang um das Kind kümmern. “Alles wurde kontrolliert.” Im Juli 2016 hat ein Richter ihr den Jungen zugesprochen.

Vormundin würde gerne Deutsche Staatsangehörigkeit für das Kind beantragen

Aufgrund der Brexit-Bestimmungen muss die Wittenerin nun einen Antrag auf Aufenthaltserlaubnis für den Kleinen stellen, damit er weiter hier leben darf und auch seine Therapien weiter stattfinden können. Der Junge sei lebendig und erfrischend, aber aufgrund der Lebensumstände eben auch kein einfaches Kind, erklärt Margit Hirtenjohann.

Er habe keine deutschen Identitätspapiere, sondern nur den roten Reisepass, der im Mai ausläuft. Engländer besitzen keinen Personalausweis, sondern weisen sich normalerweise durch Sozialversicherungskarte oder Reisepass aus. Um den neuen Pass zu beantragen, müsse sie sämtliche Originalpapiere nach England schicken. “Es ist kein gutes Gefühl, das alles aus der Hand zu geben.”

Schon zweimal hat Margit Hirtenjohann versucht, die deutsche Staatsangehörigkeit für den Jungen zu beantragen. Das ginge frühestens, nachdem er acht Jahre in Deutschland gelebt habe, bekam sie irgendwann zu hören. Um Pflegekindergeld von den englischen Behörden erhalten zu können, hätte sie dort ein Konto eröffnen müssen. “Das geht aber nicht, wenn ich dort keinen Wohnsitz habe.” Sie fand eine Lösung über einen Neffen, der in England lebt.

Wittenerin hat ihre Entscheidung nie bereut

Auch möchte die Wittenerin einen Antrag stellen, dass ihr “Fall” dem deutschen Pflegekinderdienst übergeben würde. Von Anfang an habe sie das Wittener Jugendamt mit ins Boot geholt, habe nach Unterstützung, nach Austauschmöglichkeiten, nach Treffs gefragt – und Hilfe bekommen. “Obwohl die ja gar nicht zuständig sind.” Corona habe dann wieder so manches ausgebremst. Um diesen Antrag in Brexit-Zeiten durchzukriegen, habe sie sich jetzt einen Anwalt genommen.

Margit Hirtenjohann hat es trotz aller Schwierigkeiten nie bereut, ihren Großneffen zu sich genommen zu haben, obwohl sie in der eigenen Familie wenig Rückhalt findet. Selbstbewusst nimmt sie alle Hürden – die mit der Suche nach einer passenden Wohnung nicht erst begonnen haben und mit den Erklärungen, die sie bei Reisen jedes Mal am Flughafen für ihre deutsche und die britische Staatsangehörigkeit des Kindes liefern muss, nicht enden.

“Es gibt Menschen, die darauf warten, dass ich aufgebe”, sagt die Wittenerin. Für sie keine Option. Denn ebenso könne sie zum Beispiel auf die “tolle Unterstützung” der Kita Johannis zählen, die der Fünfjährige besucht. Im Sommer wird er eingeschult. Hirtenjohanns größter Wunsch: “Dass endlich Ruhe einkehrt in sein Leben.”

>>> INFO:

Für Briten, die vor dem 1. Januar 2021 in Deutschland gewohnt haben, sei die Situation relativ unkompliziert, sagt Leif Berndt von der Ausländerabteilung des Ordnungsamtes der Stadt Witten. Sie müssen bis zum 30. Juni 2021 ihren Aufenthalt bei der zuständigen Ausländerbehörde anzeigen und erhalten dann ein neues Aufenthaltsdokument. Dieses müssen sie nicht eigens beantragen, allerdings werden dafür biometrische Daten aufgenommen.

Schwieriger sei die Lage für britische Staatsangehörige, die erst nach dem 31.12.2020 ihren Aufenthalt nach Deutschland verlegt haben. Sie sind nun aufenthaltsrechtlich so gestellt wie auch Staatsangehörige verschiedener anderer Drittstaaten. Das heißt, sie brauchen für einen langfristigen Aufenthalt oder die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit ein Visum. Wenn sie hier arbeiten möchten, brauchen sie eine entsprechende Erlaubnis.

WAZ-Bericht von Annette Kreikenbohm

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