Brexit: Warum eine Engländerin lieber in Witten lebt

Cecilia Unsworth ist froh, nicht mehr in England zu leben, sondern in Witten. Sie lehnt den Brexit entschieden ab. Foto: Thomas Nitsche / FUNKE Foto Services
Cecilia Unsworth ist froh, nicht mehr in England zu leben, sondern in Witten. Sie lehnt den Brexit entschieden ab. Foto: Thomas Nitsche / FUNKE Foto Services

WAZ. Wenn die Engländer am Freitag (31.1.) Europa endgültig „bye bye“ sagen, bekommt das ein Koch der Wittener VHS hautnah mit. Er lebt in London.

Wenn die Brexit-Befürworter am Freitag (31.1.) den Austritt aus der Europäischen Union feiern, lässt Martin Kiel mit seinen europäischen Freunden vielleicht eine alternative Party steigen – bei der womöglich auch ein paar Tränen fließen. Kiel ist ein überzeugter Europäer, mitten im Brexit-Land England. Wenn er im Sommer- oder Osterurlaub auf den Kontinent zurückkehrt, hilft der Koch und Heilpädagoge bei der VHS in Witten aus.

„Meistens helfe ich dann in der Küche und im Café“, sagt der gebürtige Remscheider, den es der Liebe wegen 2007 auf die Insel zog. Seinen Freund, einen Britisch-Kanadier, hat er nicht mehr. „Jetzt liebe ich meine Arbeit“, sagt Kiel. Er ist an der „Garden School“ im Stadtteil Hackney tätig, einer Schule für Menschen aus dem „autistischen Spektrum“. Dort kümmert er sich um „arbeitsbezogenes Lernen“. Kiel: „Ich zeige den Schülern, wie man im Restaurant arbeitet oder im Café bedient.“

Zu 90 Prozent seien die Mitarbeiter der Schule Europäer, immerhin um die 150 Personen. Wie er hätten sie gespürt, dass sich das Klima seit dem Brexit-Referendum vor über drei Jahren verändert hat. Soll heißen: Für die Europäer sei es teilweise unangenehmer geworden. Woran er das festmacht?

Nun, solange er nicht den Mund aufmache, wisse man ja nicht, woher er kommt, sagt Martin Kiel. Aber wenn man höre, dass er kein Engländer sei, könne es inzwischen sogar passieren, dass er in manchen Lokalen nicht bedient werde. Wobei der 53-Jährige betont: „Wir Londoner leben in einer Blase. London ist Labour, nicht Tories.“ Also eine Stadt, die den Brexit ablehnt.

Da er Arbeit hat, eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung und sogar eine bezahlbare Wohnung in South East London, den früheren Docklands, denkt Kiel nicht daran, das Land trotz auch möglicher wirtschaftlicher Verschlechterungen nach dem Brexit zu verlassen. Seinen deutschen Pass will er in jedem Falle behalten. „Wer will denn Brite werden?“

Wonach dem Koch an diesem historischen Freitag kulinarisch zumute ist, weiß er noch nicht. Er ist sich aber sicher, was er nicht essen will: „Fish & Chips!“

Nun, diesen englischen Fast-Food-Klassiker dürfte auch Erich Bremm kennen, der zweite Vorsitzende des Barkin & Dagenham Witten Club, der seit vielen Jahren freundschaftliche Verbindungen zu Wittens Partnerstadt in dem gleichnamigen Londoner Stadtteil pflegt. Den Brexit hält der 78-Jährige für „Quatsch“. Dass sich an den langjährigen persönlichen Beziehungen etwas ändern wird, glaubt der Wittener nicht.

Im Oktober gibt es wieder eine Bürgerreise von Witten nach England, im Vorjahr war ein „ganzer Bus voll“ aus Barkin & Dagenham da. Was sie an Großbritannien mögen? „Den Humor, die Menschen können über sich selbst lachen, und sie sind sehr hilfsbereit“, sagt Angela Bremm. „Und das Essen ist überraschend gut“, fügt ihr Mann hinzu. „Nur das Bier könnte kälter sein.“

Celia Unsworth, die aus Südengland stammt und seit 1989 in Witten lebt, ist lehnt den Brexit ebenfalls entschieden ab. „Es ist sehr traurig für das Land, dass es sich abkapselt, kulturell, sozial und wirtschaftlich“, sagt sie. Die 66-jährige Waldorf-Musiklehrerin und Therapeutin war nach Deutschland gekommen, um sich weiterzubilden. Sie selbst hat noch viel Familie auf der Insel. Alle seien gegen den Brexit. Sie nähmen die jetzige Entscheidung in einer Mischung aus Gefasstheit und Resignation auf.

Die Wahl-Wittenerin, die die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt, ist froh, an der Ruhr, in Bommern zu leben – gerade jetzt. „Auch die letzten konservativen Regierungen in England haben den Sozialstaat so stark abgebaut“, sagt Celia Unsworth. Am Mittwoch noch hat sie mit ihrer Cousine, einer Sozialarbeiterin, telefoniert, die von drastischen Kürzungen in den letzten Jahren berichtet habe.

Unsworth, die zweimal im Jahr nach Hause erfährt und erst letztes Jahr auf Schloss Steinhausen geheiratet hat, erwartet künftig an der Fähre Verspätungen im Zollverkehr. Der Brexit, fürchtet, sie, ist nur der Anfang eines langwierigen Verhandlungsprozesses mit der EU über Handelsverträge, Grenzfragen und anderes.

Das Land schlage keinen guten Weg ein, fürchtet die Musikerin. „Die Brexitiers schauen nostalgisch in eine glorreiche Vergangenheit, aber ihr Nationalismus ist kein Weg in eine fruchtbare Zukunft. „Die Humanität bleibt auf der Strecke.“ Dabei denkt sie auch an die Flüchtlinge, gegen die sich England heutzutage abschirmen wolle. Wenige Tage nach dem Holocaustgedenktag erinnnert Celia Unsworth daran, dass es ein armes England war, das noch vor dem Zweiten Weltkrieg sehr viele jüdische Kinder und Familien aufgenommen habe. Um dieses menschliche England ist ihr bange.

WAZ-Bericht von Jürgen Augstein-Peschel

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